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Frailty

FrailtyUSA 2oo1, Regie: Bill Paxton

Let God Sort'Em Out...

Die christliche Ornamentik und Mythologie war mit ihrer pathologischen Todessehnsucht und den zahlreichen Erl√∂serkomplexen schon immer ein dankbares Motiv f√ľr Horror- und Thrillerfilme unterschiedlichster Machart. William Friedkins Exorzist, Scorseses Taxi Driver, Ferraras Bad Lieutenant, Finchers Se7en oder de Palmas Carrie – mal mehr, mal weniger offensichtlich f√§llt in diesen Einzelbeispielen der christlichen Mythologie und Ikonographie eine tragende Rolle zu. Mit Frailty hat der „ewige Nebendarsteller Bill Paxton“ in seinem Regie-Debut diesem Reigen nun einen weiteren Film hinzugef√ľgt.

Auf dem Fantasy Filmfest 2002 wurde diesem Debut gar die Ehre der „Opening Gala“ zuteil, im dazu passenden Programmheft wurde es vollmundig als „viel zu seltener Genre-Gl√ľcksgriff“ angek√ľndigt, ein „ernster, intelligenter Horrorfilm, der sich zu Recht auf ein cleveres, twistreiches Script (...) st√ľtzt“. Filmecho/Filmwoche nennt sogar Stephen King, das Alte Testament und Alfred Hitchcock in einem Satz, um die f√ľr das Genre scheinbar nachhaltige Bedeutung des Films zu unterstreichen. Eine Reihe von Gr√ľnden also, um sich mit Hei√ühunger auf einen vermeintlich neuen Meilenstein des Genres eine Karte zu besorgen!

Der Film beginnt mit einem stimmungsvollen Vorspann – alte, vergilbte Zeitungsausschnitte erz√§hlen, unterlegt von tief melancholischer und d√ľsterer Musik, von grausamen Morden, von vermissten Menschen und einem Serienm√∂rder, der als „God’s Hand“ bezeichnet wird. Ein Schnitt auf ein FBI-Geb√§ude der Jetzt-Zeit und wir wissen: offensichtlich wurde der religi√∂s motivierte Killer nie gefasst. Es ist Nacht, es regnet unerbittlich – in solchen Momenten finden erfahrungsgem√§√ü in den Geb√§uden der Exekutive die interessantesten Dialoge statt! So auch hier: ein sozial offenbar gest√∂rter, ungepflegter junger Mann namens Fenton Meeks legt dem zun√§chst skeptischen und distanzierten Agent Doyle seine Lebensbeichte ab: er kenne die Identit√§t der „Hand Gottes“, ja, es sei sogar sein Bruder, der f√ľr die Morde – 6 an der Zahl – verantwortlich zeichnet.So entbl√§ttert der Film langsam seine Geschichte in Form von R√ľckblenden und f√ľhrt uns zur√ľck in das Jahr 1979.

Szenenbild
Fenton ist gerade mal neun Jahre alt und lebt mit seinem Bruder Adam und seinem Vater alleine in einer typisch amerikanischen Vorstadt. Der Umgang der drei miteinander ist herzlich und liebevoll, die Schrecken der Kleinfamilie, wie sie der Zeitgeist der fr√ľhen 70er und zeitlich analog der moderne Horrorfilm aufgedeckt hatten, scheinen hier nicht stattzufinden. Bis eines Nachts der Vater die beiden Kleinen aus dem Bett schreckt: er habe eine Vision gehabt, von einem Engel Gottes pers√∂nlich. Die Menschheit sei unterwandert von D√§monen - nur wenige Menschen seien von Gott auserw√§hlt, um diese zu „zerst√∂ren“ und er und seine beiden S√∂hne geh√∂rten diesem Zirkel an. Schon bald w√ľrde der Engel ihnen in weiteren Visionen deshalb drei heilige Waffen (ein Paar Mechanikerhandschuhe, eine Axt und Eisenstange) schicken und eine Liste mit den Namen der von Menschen nicht unterscheidbaren D√§monen, die es von der Erde zu fegen gilt.

Allein, Fenton meldet Zweifel an, die sich nur noch verst√§rken, als der Vater seine Visionen des Kampfes „Gut gegen B√∂se“ unter den Augen und der erzwungenen Hilfe seiner Spr√∂√ülinge in blutige Realit√§t umsetzt. W√§hrend der noch kleine, beeinflussbare Adam naiv l√§chelnd und ob der „Superheldenmission“ sichtlich beeindruckt dem Vater zur Seite steht, kommt es zwischen Fenton und dem Vater zum Bruch, der in pure Psychofolter ausartet, als der Vater den kleinen von seinem „Auftrag im Namen des Herrn“ zu √ľberzeugen versucht. W√§hrenddessen brennt im FBI- Geb√§ude der Jetztzeit in einem einzelnen B√ľro zu fortgeschrittener Stunde noch immer Licht ...

Zugegeben, die Story weist einiges an Potential f√ľr einen hochgradig spannenden Psychothriller auf, doch um schnell auf den Punkt zu kommen: die guten Karten werden ungenutzt verspielt, die reichlich vorhandenen M√∂glichkeiten f√ľr wohlig-kitzelnde Spannung werden kaum genutzt. Da w√§re n√§mlich zun√§chst mal das gr√∂√üte Problem: der Film wei√ü eigentlich nie, was er denn nun eigentlich ist. Die Ausgangssituation – ein FBI-Geb√§ude, nicht enden wollender Regen, ein Dialog mitten in der Nacht – verspricht einen spannungsgeladenen Psychothriller. Die R√ľckblenden, in denen Fentons Schicksal – die Familie mutiert naiv l√§chelnd zum Serienm√∂rder-Clan und wendet jedes Mittel auf, um aus Fenton das gleiche zu machen – zusammengefasst wird, verspricht ein Jugend-Drama mit den √ľblichen Komponenten 'religi√∂ser Fanatismus', 'unerbitterlichen Eltern' und dem Gef√ľhl, in den sozialen Strukturen einer kleinen Vorstadt unterzugehen.

Das Serienm√∂rder-Motiv hingegen l√§sst einen kalten Slasher-Film mit religi√∂ser Grundthematik erahnen, zudem einen, der die Reglements aufzubrechen scheint: so wird der Film entgegen aller Genrekonventionen streng aus der Perspektive der M√∂rder erz√§hlt (wobei wir bei dieser Festellung, wohlwissend um dessen Ausnahmepostion, Henry - Portrait Of A Serial Killer √ľbersehen) und zudem mit einer leicht ironisierenden Haltung dem Genre gegen√ľber,
Szenenbild
aufgepeppt. Deutlich wird dies vor allem in dem Moment, als Daddy Meeks die erste heilige Waffe √ľberreicht wird. Eine Axt, die wie Excalibur pr√§sentiert wird: ein von Sonnenstrahlen durchfluteter Ger√§teschuppen, in der Mitte ein einzelner Baumstumpf, darin die Axt – gestatten, Otis ihr Name!

Was aber im postmodernen Sinne eine durchaus interessante hybride Melange h√§tte werden k√∂nnen, verkommt bei Frailty, einer weitgehend hausbackenen Inszenierung im Stile eines biederen Fernsehfilms sei Dank, zu mediokrem Einerlei: keiner der Wege wird konsequent beschritten oder zu Ende gedacht! F√ľr einen Thriller wirkt der Rahmen-Plot im FBI-Geb√§ude zu aufgesetzt und zu schnell durchschaubar ohne dabei Suspense aufkommen zu lassen, f√ľr ein Jugend-Drama bietet der Film kein gelungenes Script und vor allem keine mitrei√üende, Emotionen weckende Charakterzeichnung und f√ľr einen Slasher, einen ironischen und mit Erz√§hlstrukturen brechenden obendrein, mangelt es an √§sthetischen Reizen, an Spannung und – der gr√∂√üte Fehler – an Genrekenntnissen, die besagen, dass das Faszinosum eines Slasher-Films im Slasher und seiner Mythik zu finden ist.

W√§hrend bei den √ľblichen Verd√§chtigen, Jason und Michael, das Slashen zum Partyevent mutiert, w√§hrend Kevin Spacey alias John Doe als sardonisch-selbstgerechter Mastermind Angst vor den M√∂glichkeiten menschlicher Intelligenz verbreitet und Hannibal als Kulturmensch und Genie√üer die kannibalistischen Tendenzen des libertinen Bildungsb√ľrgertums demaskiert, ist Daddy Meeks in dieser illustren Gesellschaft eher ein naives Lamm, √ľberzeugt von der eigenen Gutm√ľtigkeit und der G√ľltigkeit des ihm √ľbermittelten Gottesauftrages. Zwar wird dieses Bild gegen Ende des Filmes noch etwas zurecht ger√ľckt und um einige d√§monische Facetten bereichert, doch ein hastig hinten angeh√§ngter Plottwist, mag einem die vorher belanglosen 90 Minuten nicht unbedingt vers√ľ√üen, daf√ľr fehlte es ihnen schlicht und ergreifend an dramaturgischer und inszenatorischer Faszination.

Hinzu kommt, dass dieser Plottwist nicht wirklich so unvorhersehbar auf den Zuschauer einbricht, wie es sich viele Kritiker gerne einreden wollen. Wer in den letzten 5 bis 10 Jahren ein paar Mal im Kino gewesen ist und Filme wie The Usual Suspects, Fight Club oder The Sixth Sense nicht verpasst hat, wer also ein klein wenig Wissen um den 'movie with a gimmick ending' mitbringt, kann eigentlich schon im Verlauf des Ganzen das ungef√§hre Ende erraten, da die zahlreichen MacGuffins schon fast zu auff√§llig sind und die Inszenierung - gesetzt den Fall, man hat daf√ľr einen kleinen Blick und denkt w√§hrend des Filmes ein wenig mit - eigentlich auch keine anderen Schl√ľsse zul√§sst.

Besonders schade ist dieses vergeudete Potential vor allem hinsichtlich der √ľberdurchschnittlich guten Leistungen der Schauspieler. Bill Paxton und vor allem die beiden Jungs geben sich sichtlich M√ľhe, dem Film ein wenig Emotionen einzuhauchen und das Beste aus dem Skript zu holen. Allein, was nutzt die M√ľhe, wenn die Charaktere schlichtweg simple Konstrukte sind, die sich im Laufe des Films weder entwickeln noch sonderlich gut gezeichnet sind - viel zu sehr wirken sie wie aus dem Handbuch f√ľrs Drehbuchschreiben und aus diversen Genre-Verwandten entnommen, um dem Zuschauer emotional zu packen und so zu involvieren. Es k√∂nnte einem wohl kaum egaler sein, was da auf der Leinwand geschieht, eher w√ľnscht man sich, dass nun endlich wirklich was passiert!

Alles in allem bleibt also ein relativ belangloser Film, der viel Potential mitbringt, dieses aber leider weder umzusetzen wei√ü noch sich dessen gewi√ü zu werden scheint. Ein Film, der verzweifelt versucht, sich selbst in das Pantheon der „Filme mit unerwartetem Schlu√ü“ einzureihen, dies aber inszenatorisch so krampfhaft versucht, dass er dabei hemmungslos scheitert. F√ľr einen Fernsehfilm oder eine Folge einer x-beliebigen Mystery-TV-Serie am Abend w√§re Frailty sicherlich gewohnter Standard und leidliche Unterhaltung. Von einem Kinofilm, dem Er√∂ffnungsfilm des Fantasy Filmfests noch obendrein, erwarte ich mir allerdings etwas mehr Finesse. Durchschnitt, bestenfalls. Leider.

Der Film lief auf dem Fantasy Filmfest 2002 als Er√∂ffnungsfilm. Ein regul√§rer Kinostart ist f√ľr den Winter geplant.



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hinzugefŁgt: August 20th 2002
Autor: Thomas Groh
Punkte:
zugehŲriger Link: Internet Movie Database (IMDb)
Hits: 6223
Sprache: deu

  

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Frailty
VerŲffentlicht von Wildheart am 2002-08-21 20:40:21
Meine Wertung:



Ach Du helige Sche..... iße!! Und ich hab''s nicht gemerkt! Peinlich, peinlich. Aber trotzdem schön.

Frailty
VerŲffentlicht von IMMO am 2002-08-21 11:49:07
Meine Wertung:



Hallo, Wildheart / Ulrich / Posdole! :) :)

Vielen Dank f√ľr die Willkommensgr√ľ√üe :)
Ich bin hier schon etwas länger im Forum unter meinem Username IMMO tätig!

Cheers,
IMMO / Thomas

Frailty
VerŲffentlicht von Wildheart am 2002-08-21 07:06:40
Meine Wertung:



Hallo Thomas, schön Dich auch hier zu sehen. Ulrich (Posdole, Wildheart).


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