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Heaven

HeavenUSA 2002, Regie: Tom Tykwer

Der Himmel ĂŒber Italien - Heaven von Tom Tykwer

Lola rennt war ein typischer "Ja aber"-Film. Wann immer sich mal wieder jemand dazu berufen fĂŒhlte, zu einem grossen Lamento zur notorisch miserablen Verfassung des deutschen Films anzusetzen, konnte er sicher sein, dass frĂŒher oder spĂ€ter der Zwischenruf ertönen wĂŒrde: "Ja aber was ist mit Lola rennt?" Tom Tykwers Überraschungserfolg hatte tatsĂ€chlich alle QualitĂ€ten, die der deutsche Film sonst meist so strĂ€flich vermissen lĂ€sst: er war jung, schnell, frech, witzig, geistreich und formal brillant.

Entsprechend gross waren die Erwartungen an den mit sehr viel mehr Aufwand produzierten und vermarkteten Der Krieger und die Kaiserin. In diesem Film wurde aber plötzlich offenbar, was vorher nur jene kleine Schar von KinogĂ€ngern wusste, die Tykwers frĂŒheres Werk kannte: Lola rennt war mitnichten ein ironisches Spiel um Schicksal und Zufall. Dem Regisseur war es mit seiner Botschaft, dass nichts zufĂ€llig geschieht und alles - besonders die Liebe - einem grossen Schicksalsplan folgt, todernst. Was in Lola rennt noch mit verspieltem Witz erzĂ€hlt wurde, bekam in Krieger & Kaiserin durch mythisch ĂŒberhöhte Bilder eine quasireligiöse Komponente.

Heaven, Tykwers jĂŒngster Film, basiert auf einem nichtrealisierten Drehbuch des verstorbenen Krzysztof Kieslowski, seines Zeichens auch Experte fĂŒr ZufĂ€lle und seltsame Begebenheiten aller Art. Blasphemie oder das Zusammentreffen zweier verwandter Seelen? Die Cineastengemeinde war beunruhigt. FĂŒr Tykwer war es auf jeden Fall der Aufstieg in das internationale Kino: gedreht wurde in Italien, als ausfĂŒhrende Produzenten fungierten unter anderem so illustre Köpfe wie Harvey Weinstein und Sydney Pollack, und Hauptdarstellerin war die Britin Cate Blanchett.

Nachdem Tykwer in seinen frĂŒheren Film unter anderem Berlin, Wuppertal und die alpine Bergwelt auf Zelluloid gebannt hatte, fror es ihn in seinem jĂŒngsten Film in guter deutscher Tradition nach dem SĂŒden. Erster Schauplatz der Handlung ist Turin. In ihrer Verzweiflung ob der UntĂ€tigkeit der tief korrupten Polizei nimmt die Lehrerin Philippa das Gesetz selbst in die Hand und sprengt einen besonders fiesen Chef des örtlichen Drogenkartells in die Luft. Das heisst, sie versucht es, denn natĂŒrlich will es der Zufall anders, und vier unschuldige Menschen - darunter zwei Kinder - fallen ihrer Bombe zum Opfer. Als sie kurz darauf festgenommen wird, scheint ihre Lage hoffnungslos, denn von ihren frĂŒheren Versuchen, an die Justiz zu gelangen, will auf der Polizeistation niemand etwas gehört haben.

Doch zum GlĂŒck gibt es den jungen Carabiniere Filippo (Giovanni Ribisi), einen Menschen mit reinem Herzen, der sich ihrer erbarmt. Sein Herz entflammt in bedingungsloser Liebe fĂŒr sie, und ehe sich's der Zuschauer und die italienische Polizei versieht, sind die beiden schon auf der Flucht.

Heaven

Die Idee "Liebende auf der Flucht" als Ausgangsbasis fĂŒr einen Film zu nehmen, wĂ€re nicht uninteressant; besonders da es sich bei Filippa ja fĂŒr einmal nicht um eine unschuldig Beschuldigte handelt. Doch fĂŒr die moralischen Konflikte, in die sich seine Protagonisten begeben, interessiert sich der Film herzlich wenig. Tykwer will keine Gewissenskonflikte ausloten, und ein spannender Thriller ist seine Sache schon gar nicht. Sein Thema ist die Liebe, die bedingungslose, alles ĂŒberragende Liebe, die himmlische, jegliche irdischen MassstĂ€be sprengende Liebe zwischen Filippo und Philippa. Denn dass sich die beiden lieben, weiss der Film schon, bevor sie es selbst wissen.

Sie gehören einfach zusammen, und sei es nur, weil es das Schicksal - oder vielleicht auch nur der Regisseur - so will. Und da sich diese Vorbestimmung nur sehr begrenzt aus der Geschichte selbst ableiten lĂ€sst, mĂŒssen auch hier wieder ein paar gesalzene ZufĂ€lle nachhelfen. So heissen die Fliehenden nicht nur gleich, sie haben auch am selben Tag Geburtstag, tragen im letzten Filmdrittel die gleiche BĂŒsser-Kahlfrisur und sind fast identisch gekleidet. Damit auch jedem klar wird: diese beiden sind vom grossen Drehbuchautor Schicksal fĂŒr einander bestimmt worden!

PrĂ€sentiert wird das Ganze in wahrhaft erlesen Bildern. Tykwer, inzwischen offensichtlich auch Mitglied der Toscana-Fraktion, lĂ€sst die Leinwand in goldenem Licht erstrahlen. In dem sĂŒdlichen Paradies, in dem schon so mancher deutscher Spitzenpolitker zu sich selbst gefunden hat, erkennen sich auch Philippa und Filippo, und dies ganz im biblischen Sinne. Doch ihre erste Liebesnacht, die sich sinnigerweise unter einem grossen Baum vollzieht, ist kein zweiter SĂŒndenfall, ganz im Gegenteil: als die beiden am nĂ€chsten Morgen aufwachen, sind sie endgĂŒltig zu Engeln geworden und entschweben aller irdischer Unbill in transzendete SphĂ€ren. Ein himmlisch schlechter Film.



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hinzugefügt: July 20th 2002
Autor: Simon Spiegel
Punkte:
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Hits: 6901
Sprache: deu

  

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