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Kikujiro

Kikujiro(Kikujiro no natsu)
Japan 1999
Regie: Takeshi Kitano


Roadmovie ĂŒber Freundschaft

Kikujiro (der Regisseur Takeshi Kitano selbst in der Hauptrolle) ist ein ekliger Holzklotz. Er denkt – wenn es darauf ankommt – nur an sich und seinen Vorteil und stĂ¶ĂŸt dabei seine Mitmenschen mit Beleidigungen und DrohgebĂ€rden oft vor den Kopf. Kurz: Er hat vor allem mit sich selbst zu kĂ€mpfen, und dazu ist ihm fast jedes Mittel recht.

Dann ist da der kleine Masao (Yusuke Sekiguchi), der bei seiner Großmutter (Kazuko Yoshiuki) lebt, der Vater tot, die Mutter – so wird ihm erzĂ€hlt – lebe weit weg, um Geld zu verdienen; Masao kennt sie nur von Bildern.

Kikujiros Frau (Kayoko Kishimoto) kennt ihren Mann und hat sich angewöhnt, dem ungehobelten Klotz ab und an ans Schienbein zu treten, um ihn im Zaun zu halten. Sie kennt auch den kleinen Masao, der in den Sommerferien noch einsamer ist als sonst. Er nimmt seinen Fußball, geht zum Sportplatz, aber niemand von seinen Schulkameraden ist da, nur der Trainer, der ihm sagt, dass in den Ferien kein Training stattfindet. Da steht er nun, der kleine Masao, mitten auf dem großen Fußballplatz mit seinem Ball, ist traurig – und so entscheidet er sich, seine Mutter zu suchen, den langen Weg dorthin anzutreten. Das bekommen Kikujiro und seine Frau mit, und die – nicht auf den Kopf gefallen und wahrscheinlich denkend, ihr Mann soll endlich mal was VernĂŒnftiges tun – verpflichtet ihren Kikujiro, den Kleinen zu begleiten.

Kikujiro's Sommer
Der Film schildert diese Reise der beiden ungleichen Gesellen, mal mit dem Auto, mal zu Fuß, um die Mutter Masaos (YĂ»ko Daike) zu finden. Kikujiro wird nicht mĂŒde, wieder einmal alle, den Mann an der Rezeption eines Hotels, Autofahrer oder andere Personen, die den beiden zufĂ€llig ĂŒber den Weg laufen, so mies zu behandeln, wie er das gewohnt ist, um weiter zu kommen. Masao merkt man an, dass ihm dieses Verhalten ĂŒberhaupt nicht recht ist: »Mit Freundlichkeit kommt man weiter«, meint er, als ein Autofahrer die beiden auf Masaos Bitte mitnimmt. Doch Kikujiros Verhalten Ă€ndert sich zunĂ€chst kaum. Erst als sie ihr Ziel erreichen und Kikujiro feststellen muss, dass Masaos Mutter inzwischen verheiratet ist und eine kleine Tochter hat, beginnt es in ihm zu arbeiten. Er weiß, dass Masao keine Chance hat, in das Leben seiner Mutter einzutreten, erzĂ€hlt ihm, seine Mutter sei weggezogen. Masaos Gesicht verrĂ€t, dass er dieser Geschichte nicht so richtig glaubt; aber er sagt nichts, weint.

Kikujiro weiß jetzt, was er zu tun hat. Er muss dem Jungen das GefĂŒhl geben, dass er sich mit den Tatsachen abfinden muss und trotzdem ein glĂŒckliches Leben fĂŒhren kann. Die beiden treffen einen jungen Mann, der mit dem Kleinbus durch Japan fĂ€hrt, und zwei sanfte, ja fast schon Ă€ngstliche Motorrad-Rocker, mit denen zusammen Kikujiro auf dem RĂŒckweg nach Hause so manchen Spaß fĂŒr den kleinen Masao organisiert. Es entsteht Freundschaft zwischen Kikujiro und Masao, langsam, vorsichtig, aber ohne RĂŒckweg ...

Kikujiro's Sommer
Fazit
Kitano erzÀhlt eine wunderbare Geschichte des Entstehens von Freundschaft zwischen zwei so ungleichen Menschen, die besonders durch den völlig ungewohnten Humor des japanischen Regisseurs einen Schwung bekommt, der einen gar nicht merken lÀsst, dass der Film 122 Minuten lang dauert. In den Film werden immer wieder TrÀume, teilweise AlptrÀume Masaos und Fotos eingeblendet, die Masao von der Reise gemacht hat, und auf denen Kikujiros »UnfÀlle« festgehalten und ironisch kommentiert sind.

Der Film gewinnt aber auch durch die fĂŒr mich völlig ĂŒberraschende Schnitttechnik des Regisseurs. Kitano zeigt eine konflikttrĂ€chtige Situation, dann aber nicht, wie der Konflikt ausgetragen wird, sondern nur das – fĂŒr Kikujiro oft unvorteilhafte – Ergebnis. Nur einige Beispiele: Als Kikujiro das Essen eines auf den Bus wartenden Mannes (Beat Kiyoshi) heimlich entwendet hat, protzt er dem Jungen vor, er solle ruhig alles essen, er selber habe gar keinen Hunger.
Kikujiro's Sommer
Dabei hat er doch ein StĂŒck vom Essen versteckt, schleicht hinter die Bushaltestelle, um es heimlich zu essen. Doch die Gaumenfreude fĂ€llt ihm hinunter, er sucht das StĂŒck Fleisch – Schnitt – man sieht Kikujiro, mit dem Kopf nach unten in ein Loch gefallen, nur noch mit den Beinen zappeln. Als sich am Schluss Kikujiro und Masao von dem jungen Mann mit Kleinbus verabschieden, zeigt Kitano nicht die handelnden (sich verabschiedenden) Personen, sondern den Kleinbus von hinten, der die Personen nur ahnen lĂ€sst. Diese Schnitttechnik ist so raffiniert, dass aus ihr sehr amĂŒsante Szenen entstehen.

Den Film – 1999 gedreht – konnte ich in einer nicht synchronisierten Fassung mit englischen Untertiteln sehen. Die deutsche Synchronfassung wurde 2000 auf der Berlinale mit dem Liliput-Preis fĂŒr verhunzte Synchronfassungen ausgezeichnet. Die Fassung mit Untertiteln tut dem VerstĂ€ndnis des Films keinen Abbruch – im Gegenteil: Man bekommt zum einen alles mit, zum anderen gewinnt der Film durch die Originalsprache.

© Ulrich Behrens 2002 – veröffentlicht zuerst in: www.ciao.com (unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



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hinzugefügt: May 22nd 2002
Autor: Ulrich Behrens
Punkte:
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Sprache: deu

  

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