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Weiße Rauschen, Das

Weiße Rauschen, DasDeutschland 2001
Regie und Drehbuch: Hans Weingartner


Versuch der AnnÀherung an Schizophrenie

In einem Interview Ă€ußerte Regisseur Hans Weingartner, er habe mit seinem Film das Thema Schizophrenie nicht wie in anderen Filmen aufgrund von Effekthascherei ausschlachten oder seinen Betroffenen als psychopathischen Serienkiller oder wahnwitziges Genie zeigen wollen. Vielmehr wollte er darstellen, wie allein oft Betroffene dieser Krankheit seien und von ihrer Umwelt weder verstanden wĂŒrden, noch sich jemand Zeit fĂŒr sie nehme.

Inhalt
Der 21jĂ€hrige Lukas (Daniel BrĂŒhl) kommt endlich aus seiner kleinstĂ€dtischen Heimat heraus in die Großstadt. Er zieht zu seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) in eine WG, in der sie mit ihrem Freund Jochen (Patrick Joswig) lebt. Lukas trĂ€umt von UnabhĂ€ngigkeit und lustvollem Leben. Und so scheint es auch zu beginnen. Partys, ein bisschen Drogen, und die erste Frau, mit der er sich zu einem Kinoabend verabredet. Doch als die Kinokassierin erklĂ€rt, der Film »Taxi Driver« laufe an diesem Abend nicht, beschimpft Lukas sie auf die ĂŒbelste Weise. Seine neue Bekannte (Katharina SchĂŒttler) ist entsetzt, und flieht vor Lukas.

Nach einem Ausflug, den Kati und Jochen fĂŒr Lukas organisieren, um ihn wieder aufzumuntern, sind alle vom Genuss psychedelischer Pilze auf dem Trip. Doch wĂ€hrend Kati und Jochen am nĂ€chsten Tag wieder in Ordnung sind, beginnt fĂŒr Lukas ein dauerhafter Trip. Plötzlich hört er Stimmen, laut, deutlich. Auch ĂŒberlaute Musik lĂ€sst sie nicht verschwinden. ZunĂ€chst nimmt er an, seine Schwester und Jochen wĂŒrden ĂŒber ihn reden, ja, wollten ihn möglicherweise fertig machen. Er geht auf Jochen los. Und spĂ€ter springt er aus dem Fenster.
Lukas landet in der Psychiatrie. Die Diagnose des Arztes (Michael SchĂŒtz) ist eindeutig: Schizophrenie ...

Inszenierung
Was anfĂ€ngt, wie der etwas unbeholfene Beginn eines neuen Lebensabschnitts, wie eine leicht komödienhaft wirkende Geschichte eines jungen Mannes, der sich in der Großstadt, mit dem VerhĂ€ltnis zu Frauen, mit dem Studium erst einmal zurechtfinden muss, geht fast von einem Augenblick zum nĂ€chsten ĂŒber in einen Horrortrip. Der Dogma-Ă€hnlich gedrehte Film, mit oft drei Digitalkameras gleichzeitig aufgenommen, lĂ€sst den Zuschauer in eine Welt hineinfallen, die vom immer dramatischer werdenden Zustand des Lukas beherrscht ist.

Zwar verschaffen ihm Medikamente kurzfristig sichtbare Besserung, so dass er sogar arbeiten gehen kann, doch Lukas will das Zeug nicht weiternehmen, sucht nach einem Weg, mit seiner Krankheit anders zu leben als in stÀndiger medikamentös bedingter SchlÀfrigkeit und Mattheit.

Dass die (möglicherweise auch sozialisationsbedingten) HintergrĂŒnde der Krankheit nur angedeutet werden, war fĂŒr mich weniger ein Problem. Lukas Mutter hatte sich nach mehreren Aufenthalten in der Psychiatrie umgebracht, als Kati vier Jahre alt war. Die Kinder wuchsen bei den Großeltern auf. Es heißt, Schizophrenie trete verstĂ€rkt in sozialen Strukturen auf, in denen Einsamkeit, Isoliertheit, Beziehungslosigkeit vorherrsche.

Daniel BrĂŒhl kann sich in exzellenter Weise in seine schizophrene Rolle vertiefen. In Verbindung mit der eingesetzten Technik und BrĂŒhl als Hauptdarsteller schafft Weingartner eine intensive Sensibilisierung des Zuschauers fĂŒr eine Krankheit, ĂŒber die immer noch sehr wenig bekannt ist. Der Film ist nicht kunstvoll oder gar kĂŒnstlich inszeniert, spielt selten mit dramatisierenden Effekten, sondern hat fast dokumentarischen Charakter. Die NĂ€he der KamerafĂŒhrung am Gegenstand, am Kranken, an seiner Hilflosigkeit, seinen Selbstrettungsversuchen, seinem Widerstand gegen seine Schizophrenie und seiner Verzweiflung zwingt den Betrachter in hautnahe TuchfĂŒhlung zum Kranken und zur Krankheit.

Diese Art der Inszenierung hat große Vorteile, denn sie wirkt weder plakativ oder ĂŒberdramatisiert, noch aufgesetzt oder aufdringlich. Doch zugleich fehlt dem Film damit auch das Überraschende, das Verstörende angesichts der Verstörung durch die Konfrontation mit der Krankheit. Der Film lĂ€uft und lĂ€uft und lĂ€uft entlang der Krankheit und des Kranken.

»Das weiße Rauschen« verhaftet nicht am Gegenstand in Form eines Ă€rztlichen Patientenprotokolls, aber der Film wĂ€chst ĂŒber den Gegenstand auch nicht hinaus. Der allzu »nahen NĂ€he« fehlt manchmal die aufatmende Distanz zum Gegenstand, der Schritt (nicht nur mit der Kamera) zurĂŒck, das einhaltgebietende »Moment mal«.

Fazit
»Das weiße Rauschen« ist ein ĂŒberraschend schöner und erschreckender Streifen, dem es gelingt, ein tiefes MitgefĂŒhl fĂŒr den kranken Lukas zu erzeugen. Doch es zeigte sich mir auch, dass der fehlende Abstand zu einem derart schwierigen Thema (einer fĂŒr die Betroffenen schicksalhaften Krankheit wie Schizophrenie) die tiefe Verbundenheit des Betrachters letztlich ins Leere laufen lĂ€sst. Die exzellente Darstellung des Lukas durch Daniel BrĂŒhl und auch die engagiert-sympathische Rolle, die Anabelle Lachatte als Lukas liebende Schwester spielt, können nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass der Film fast schon platt, unangemessen – wie viele Road-Movies – endet: am Meer.

© Ulrich Behrens 2002 – veröffentlicht zuerst in: www.ciao.com (unter dem Mitgliedsnamen Posdole)



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hinzugefügt: May 16th 2002
Autor: Ulrich Behrens
Punkte:
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Sprache: deu

  

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