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Storytelling

StorytellingUSA 2001, Regie: Todd Solondz

"Aber ist es nicht auch komisch?" -

In der ganzen Aufregung um American Beauty ging hierzulande ein anderer Film weitgehend unter: Happiness von Todd Solondz war all das, was American Beauty gerne gewesen w√§re: ein wirklich √§tzendes Portrait des zeitgen√∂ssischen Amerikas, ein Panoptikum beziehungsunf√§higer und sexuell frustrierter Figuren. Der Film war ein echter Schlag in die Magengrube, ein Kinoerlebnis, das man nicht so schnell vergass. Gegen Solondzs Spott schien sogar Robert Altman ein echter Menschenfreund zu sein. Seine im amerikanischen Kino ziemlich einzigartige Direktheit brachte dem Regisseur aber nicht nur Freunde ein. Der Vorwurf, dass er ein zynischer Misanthrop sei, der sich am Elend seiner Figuren weide, war vielerorts zu h√∂ren. Storytelling nimmt sich trotz des zeitlichen Abstands zwischen den beiden Filmen wie eine direkte Reaktion auf diese Vorw√ľrfe aus.

Solondzs j√ľngster Film zerf√§llt in zwei Teile mit den Titeln Fiction und Non-Fiction. Der k√ľrzere erste Teil erz√§hlt von der Studentin Vi und ihrem zerebral gel√§hmten Freund Marcus. Die beiden sind Teilnehmer eines Creative Writing-Seminars. Unter der Leitung eines schwarzen Dozenten √ľberbieten sich hier die Studenten in der Kunst der literarischen Selbstentbl√∂ssung. Selbst Erlebtes soll Authentizit√§t garantieren, fehlendes literarisches K√∂nnen wird durch Schamlosigkeit und Selbsterniedrigung wett gemacht. Doch die Tatsache, dass Marcus behindert ist, macht seine Geschichte um das Liebesleben eines Behinderten nicht besser. Zwar ergehen sich die Mitstudenten in einf√ľhlsamen Lobpreisungen, doch der Professor bereitet dem Treiben ein j√§hes Ende. Er, der Schwarze, darf sagen, was den anderen eine heuchlerische Verhaltensnorm verbietet: dass Marcus' Geschichte ganz einfach schlecht ist.

Aber auch dieser furchtlose Professor ist kein Unschuldslamm. Kurz darauf wird er auf Vis Avancen eingehen, allerdings ganz anders, als sie sich das vorgestellt hat. Immerhin hat sie damit nun endlich einen Stoff, den sie literarisch verarbeiten kann. Doch als Vi im Plenum die detallierte Beschreibung des brutalen Geschlechtaktes vorträgt, wird sie in der Luft zerrissen. Ihr Text sei frauenfeindlich, klischiert, rassistisch, dumm, schlichtweg widerwärtig. Auf ihren verzweifelten Einwand, dass die Geschichte doch wahr sei, meint ihr Lehrer mit stoischer Ruhe nur: "In dem Moment, wo Du es niederschreibst, wird es Fiktion."

Bereits in diesem ersten Teil zeigt Solondz, worum es ihm geht, und dass er keine Angst davor hat, in alle Fettnäpfchen gleichzeitig zu treten. Was ihn interessiert, ist die Frage, aus welchem Stoff Fiktion gemacht ist, wo die Grenze verläuft zwischen dem Schöpfen aus eigener Erfahrung und vulgärem Exhibitionismus.
Storytelling
Solondz gelingt es, abgedroschenen Themen wie Rassismus und dem Umgang mit Behinderten eine neue Sch√§rfe zu geben. In seiner Filmwelt l√∂sen sich die Konflikte nicht so leicht auf, gibt es keine klaren Grenzen zwischen Gut und B√∂se, sind alle gleichzeitig Opfer und T√§ter und f√ľhrt sich das Programm der political correctness selbst ad absurdum. Zudem ist Fiction eine schallende Ohrfeige f√ľr Hollywood, das in letzter Zeit eine besondere Vorliebe f√ľr Schmalzgeschichten "based on a true story" entwickelt hat.

Non-Fiction, der Hauptteil des Filmes, erz√§hlt von dem erfolglosen Dokumentarfilmer Toby, der einen Film √ľber amerikanische Teeanger drehen m√∂chte und dabei auf Scooby, einen desinteressierten Kiffer aus gutb√ľrgerlichem Elternhaus, st√∂sst. Scooby will zum Fernsehen und willigt deshalb schnell ein, doch seine Eltern sind besorgt. Werden sie durch diesen Film nicht ausgebeutet, wird Toby sie nicht alle zu Witzfiguren machen?

Nirgendwo sieht man Solondzs Vorgehensweise besser als bei der Darstellung seines filmischen Alter Egos. Toby wird zwar gleich in der ersten Szene als l√§cherlicher Verlierer eingef√ľhrt, doch je l√§nger er an seinem Film arbeitet, desto klarer wird, dass sein Bem√ľhen aufrichtig ist. So pr√§tentios sein Kommentar sein mag, so l√§cherlich seine Erscheinung, Toby will seine Figuren nicht einfach in die Pfanne hauen, sein Film soll keine eine Freakshow werden, sondern ein St√ľck Wahrheit zeigen.

In einer Schl√ľsselszene muss sich Toby von seiner Cutterin schwere Vorw√ľrfe anh√∂ren: er sei gar nicht an Menschen interessiert und behandle sie arrogant von oben herab. Toby wehrt ab. Das Gegenteil sei der Fall, er liebe seine Figuren. Aber sei der Film nicht auch ein bisschen witzig? - Es sind wahrhaft zentrale Fragen, die Solondz in seinem Film verhandelt. Gl√ľcklicherweise ist er zu intelligent, um zu glauben, ausgerechnet er k√∂nne sie endg√ľltig beantworten. L√∂sungen hat er keine auf Lager, aber er tut das, was er kann: er dreht einen Film.

Dass Storytelling trotz aller gedanklichen Sch√§rfe und des hervorragenden Ensembles nicht die Brillanz von Happiness erreicht, liegt wohl an zwei Dingen: anders als in seinem Meisterwerk behandelt Solondz in seinem j√ľngsten Film Themen, die dem Durchschnittszuschauer keine schlaflosen N√§chte bereiten. Beziehungsprobleme haben wir alle, aber mit der Frage nach der Ethik des Geschichtenerz√§hlens m√ľssen sich nur die wenigsten von uns herumschlagen. Ausserdem war Solondz wohl ein bisschen zu sehr darum bem√ľht, von seinem Image als Menschenfeind wegzukommen; die rohe Kraft von Happiness, diese gnadenlose Direkheit, erreicht Storytelling nicht.
Sehenswert ist der Film aber auf jeden Fall.



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hinzugefŁgt: May 14th 2002
Autor: Simon Spiegel
Punkte:
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Sprache: deu

  

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