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Songs from the Second Floor

Songs from the Second Floor(Sånger från andra våningen)
Dänemark 2ooo, Regie: Roy Andersson


Schweden ist der Vorhof zur Hölle - Songs from the Second Floor von Roy Andersson

Man entpuppt sich nicht als hoffnungsloser Kinobanause, wenn man zugibt, noch nie etwas von Roy Andersson gehört haben. Andersson, 1943 in Göteborg geboren, drehte in den Siebzigern zwei Filme. Der zweite, Giliap, war ein vollkommener Flop, und seither verdient Andersson sein Geld als Werbefilmer. In diesem Metier war er äusserst erfolgreich und gewann so ziemlich alle wichtigen Preise. Mit dem Geld, das er in der Welt des schönen Scheins verdiente, baute Andersson sein eigenes kleines Studio auf, in dem er während vier Jahren an Songs from the Second Floor arbeitete.

Songs entwirft eine Welt in geradezu apokalyptischer Erstarrung. Nichts geht mehr, Autostaus dauern ohne ersichtlichen Grund Tage, durch die Strassen ziehen Prozessionen sich geisselnder Flagellanten, und der Mensch ist zum St√∂rfaktor im wirtschaftlichen Prozess geworden, der eliminiert werden muss. Die Protagonisten in dieser Endzeitfabel sind fast alle fett oder sonst unansehnlich, ungl√ľcklich sind sie sowieso.

Kalle (Lars Nordh) hat gerade sein eigenes Gesch√§ft abgefackelt, um die Versicherungssumme einzusacken. Dass dieser Betrug schief gehen wird, weiss er ohnehin, und so taumelt er russverschmiert mit einem Sack voller Asche, der einmal seine Buchhaltung war, durch eine lebensfeindliche Welt. Kalles √§ltester Sohn sitzt in der Irrenanstalt - "Er schrieb Gedichte und wurde verr√ľckt." -, sein zweiter driftet ziellos durchs Leben. Eine Ver√§nderung wird Kalle in diesem Film nicht durchmachen, er ist ein schuldiger Versager, verfolgt von den Phantomen der Vergangenheit, gebeutelt von den Widrigkeiten der Gegenwart.

Die Art und Weise, wie Andersson seinen Film inszeniert, lässt viele Vorbilder erkennen: Bunuel etwa, mit dem Andersson nicht nur der Hass auf die katholische Kirche verbindet. In der Langsamkeit der Inszenierung - die Kamera bewegt sich kaum, und die meisten Szenen sind ungeschnitten - erinnert der Film auch an Jarmusch. Doch Anderssons Humor ist boshafter. Jarmusch zelebriert einen absurden Humor der Leere, in seinen lustigsten Szenen geschieht oft gar nichts, Anderssons schwarzer Humor wächst dagegen auf dem Leid seiner Figuren.

Ein gealterter Zauberer setzt dazu an, einen Freiwilligen auf der B√ľhne zu zers√§gen, doch dessen Schreie machen klar, dass bei dem Trick etwas nicht ganz geklappt hat. Die verz√∂gerte Art, in der dieser makabere Scherz pr√§sentiert wird, macht ihn noch grausamer, und noch komischer. Auch der anarchistische Humor der englischen Monty Pythons hat bei diesem Film Pate gestanden. Man f√ľhlt sich unweigerlich an The Meaning of Life erinnert, wenn ein hoher W√ľrdentr√§ger in einem Nobelhotel √ľber den Bartresen kotzt oder bei einer Sitzung eines Regierungssitzung alle Anwesenden entgeistert fl√ľchten wollen, weil sich das gegen√ľberliegende Hochhaus bewegt hat.

Und nicht zuletzt liegt auch der dunkle Schatten von Ingmar Bergman, dem depressiven Grossmeister des schwedischen Kinos, √ľber dem Film. Alle diese Elemente vereinigen sich aber zu einem ganz eigenen Stil. Songs sieht aus, wie ein bewegtes Otto Dix-Gem√§lde: eine d√ľstere, gr√ľnlich-graue Welt, in der meist nur eine vereinzelte Neonr√∂hre f√ľr ein wenig kaltes Licht sorgt. Die Architektur ist unpers√∂nlich und eisig, und keiner schreitet ein, wenn ein Ausl√§nder auf offener Strasse zusammengeschlagen wird. Andersson entwirft Bilder, die in ihrer perfekt abgezirkelten D√ľsternis wie die Negative von Werbebildern wirken.

Songs ist ein ungew√∂hnlicher Film, der einem nicht so schnell aus dem Kopf geht, und Andersson ist zweifellos ein √§usserst originelles Talent, doch man fragt sich, wem sein Hass eigentlich gilt. Vielleicht sind die gesellschaftlichen Verh√§ltnisse in Schweden grundlegend anders als in der Schweiz, aber f√ľr hiesige Zuschauer hat Anderssons entmenschlichte, von senilen Greisen und geldgeilen Pfaffen regierte Welt zu wenig Gemeinsamkeiten mit der Realit√§t, als dass man sie wirklich als ernsthafte Satire begreifen k√∂nnte.

Wirklich gute Satire bewegt sich meistens nur wenig von der Wirklichkeit weg, die Welt von Songs ist aber zu k√ľnstlich und zu allegorisch, um den Zuschauer wirklich ber√ľhren zu k√∂nnen. Besonders auff√§llig wird dies an der beissenden Kritik, die der Film an der Kirche √ľbt. Auch wenn der Film aus dieser H√§me einige seiner besten Pointen zieht, wirken diese Seitenhiebe doch seltsam anachronistisch. Die Kirche hat in unseren Breitengraden schon so sehr ihr Fett abgekriegt, dass man mittlerweile eigentlich eher geneigt ist, sie unter Artenschutz zu stellen.

Songs bleibt so leider nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Höhepunkten des schwarzen Humors, zu einem wirklich grossen Film reicht es leider nicht. Dazu benötigte Anderssons Werk entweder eine echte Geschichte oder gesellschaftlich-politische Relevanz.


Szenenbild Szenenbild Szenenbild Szenenbild

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hinzugefŁgt: March 28th 2002
Autor: Simon Spiegel
Punkte:
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Sprache: deu

  

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