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Spoorloos (The Vanishing)

Spoorloos (The Vanishing)USA 1988, Regie: George Sluizer

Spoorloos (The Vanishing) aus dem Jahr 1993 von Georg Sluizer, ein unscheinbarer Film, der es schafft ohne große suspense-Effekte unter die Haut zu gehen.

Ein junge niederlĂ€ndisches Ehepaar, Rex und Saskia, bereist Frankreich mit dem Auto. Als Saskia auf einem Rastplatz ein paar GetrĂ€nke einkaufen will, kehrt sie nicht mehr zurĂŒck. Damit beginnt fĂŒr Rex die obsessive unentwegte insgesamt drei Jahre dauernde Suche nach seiner verschollenen Frau. Angefacht wird diese durch regelmĂ€ĂŸig gesandte Postkarten des EntfĂŒhrers, Raymond Lemorne. Lemorne ist angesehender Professor und wird in parallelen Sequenzen als Technokrat und Familienmensch beschrieben.

Rex startet schließlich im Fernsehen Aufrufe an den EntfĂŒhrer: Er wolle nur wissen, was mit seiner Frau los sei, er wolle nur Gewissheit haben. Lemorne beschließt schließlich nach Holland zu fahren, um mit Rex Kontakt aufzunehmen. Lemorne lĂ€d Rex auf eine Fahrt zurĂŒck nach Frankreich ein, bei der er Gewissheit erhalten solle ĂŒber das Schicksal seiner Frau. Die kalte Berechnung mit der die Stationen der EntfĂŒhrung beschreibt, lĂ€ĂŸt Böses ahnen, doch der Film erhĂ€lt zum Schluss ein Wendung, die keiner erwarten konnte ...

Spoorloos ist ein Film, der uns vor Augen fĂŒhren soll:

  • Die Doppelbödigkeit und den Schein unserer bĂŒrgerlichen Moral.

  • Die GleichgĂŒltigkeit des Massengesellschaft gegenĂŒber dem Leiden und den Schicksale der Anderen.

  • Und zuguterletzt ist er ein zynisches Urteil ĂŒber Lernen, Wissen und Gewissheit.
Lemorne bezeichnet sich immer wieder selbst als Opfer einer psychotischen Gesellschaft, als sog. Soziopath. Doch augenscheinlich ist er der perfekte BĂŒrger und Familienvater. Hier steht der Film ganz in der Tradition der franz. Filme eines Bunuel (Le charme discrete de la bourgeoisie) und der Truffeautschen Krimis. Das Verbrechen, Pathologische und Perverse ist untrennbarer und unscheinbarer Bestandteil des Normalen, lauert und schlummert unter einer dĂŒnnen OberflĂ€che bĂŒrgerlichen Anstands und wirft ein Licht auf die Perversion des Normalen selbst. Die Katastrophe ist immer nur ein Schritt weit entfernt.

Diese Perversion besteht in "Spoorloos" in der AnonymitĂ€t und GleichgĂŒltigheit der Anderen. Die Anderen interessieren sich nicht fĂŒr die EntfĂŒhrung und das Verschwinden von Saskia; deswegen wendet sich Rex in seinem Fernsehaufruf NICHT an die Bevölkerung mit Bitte um AufklĂ€rung, sondern direkt an den EntfĂŒhrer. Weiteres Indiz dieser massenmedialen GleichgĂŒltigkeit ist die ĂŒber den gesamten Film aus dem Off tönende Berichterstattung der Tour de France, die uns sensationsgeile Menschen einfach mehr in den Bann zieht. Die Gesellschaft rechnet auf das Vergessen und verlangt nach Kurzweil, nach der raschen Abfolge kurzzeitiger Unterhaltung.

Zum Dritten will "Spoorloos" in der Art der griechischen Tragödie den Weg des Helden in seine Selbstverstrickung zeigen. Der unstillbare Wissensdurst, die unzĂ€hmbare Neugier des Menschen besiegelt letztlich sein Schicksal. Rex vor die Wahl gestellt, ob ihm die Gewissheit des Todes seiner Frau oder die Ungewissheit ihres jetzigen Überlebens lieber sei, entscheidet sich klar fĂŒr das Erste. Dieser manische Drang nach Gewissheit ist denn auch der Grund seines Leidens ... pathei mathos, Lernen durch Leiden, wie Sophokles Antigone sagt.
Dass Wissen tödlich und bedrohlich werden kann, verdeutlicht auch Lemorne. Schon frĂŒh wollte er selbst Gewissheit erlangen ĂŒber die Dinge des Lebens anstatt auf die guten RatschlĂ€ge seiner Umgebung zu hören. So erzĂ€hlt er immer wieder stolz eine Jugendgeschichte, in der er aus purer Neugier vom Balkon des ersten Stockes sprang... nur um endlich unmittelbare Gewissheit darĂŒber zu erlangen, wie es denn wirklich sei. Die Gewissheit bezahlte er selbstredend mit einem Beinbruch. Lernen durch Leiden.
Spoorloos zeichnet so archetypisch ein pessimistisches und zynisches Bild des modernen Menschen, ja des Menschen ĂŒberhaupt: Wissen ist Wissen zur BemĂ€chtigung des Anderen, Gewissheit der obsessive Weg in den Untergang und die beide zĂ€hmende Moral ist verkommen zur ritualisierte OberflĂ€che einer selbstgefĂ€lligen Gesellschaft.

Gefilmt ist "Spoorloos" neben der obengenannten Tradition des französischen Films in einer Hitchcockschen Manier. Immer wieder werden PlĂ€tze und Landschaften als riesige Kulisse des verschwindend kleinen Individuums eingesetzt. Daneben besitzt der Film aber auch Dogme 95-Elemente, in denen ein quasi-dokumentarischer ErzĂ€hlstil vorherrscht. Unruhige und abrupte Kamerafahrten und -bewegungen schaffen plötzlich Raum fĂŒr unwerwartete Ereignisse.

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hinzugefügt: January 8th 2002
Autor: Wolfgang Melchior
Punkte:
zugehöriger Link: IMDB
Hits: 7140
Sprache: deu

  

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Spoorloos (The Vanishing)
Veröffentlicht von walt am 2003-10-10 01:20:07
Meine Wertung:



oops, tausend Dank fĂŒr die Info, schon gefixt.

Spoorloos (The Vanishing)
Veröffentlicht von Anonymous am 2003-10-09 16:10:09
Meine Wertung:



Die Jahreszahl und der IMDb-Link sind falsch.
Besprochen wird der Originalfilm von 1988, das Hollywood-Remake von 1993 ist sehr viel weniger empfehlenswert.


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