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Diskrete Charme der Bourgeoisie, Der

Diskrete Charme der Bourgeoisie, Der(Le Charme discret de la Bourgeoisie)
Frankreich, 1972
Regie: Luis Bunuel
Buch: Luis Bunuel / Jean-Claude Carriere


Zur Enstehung von "Der diskrete Charme der Bourgeoisie (DCB)" schreibt Bunuel in "Mein letzter Seufzer":
"Wir suchten nach einem Vorwand fĂŒr eine sich wiederholende Handlung, als [Produzent] Silbermann uns etwas erzĂ€hlte, was ihm passiert war. Er hatte Leute zu sich zum Essen eingeladen, sagen wir an einem Dienstag, vergaß aber, es seiner Frau zu erzĂ€hlen, und vergaß außerdem, dass er selbst an diesem Dientag zum Essen eingeladen war ... Man brauchte das nur weiterzuentwickeln, sich verschiedene Szenen auszudenken - ohne der Wahrscheinlichkeit allzuviel Gewalt anzutun - ,in denen eine Gruppe von Freunden Gelegenheit zu einem gemeinsamen Essen zu finden versucht, was ihr aber nicht gelingt".

Damit ist eigentlich die Geschichte von DCB erzÀhlt, die keine echte Dramaturgie, keinen echten Handlungsstrang notwendig aufeinanderfolgender szenischer Ereignisse besitzt.
Hauptfiguren des StĂŒckes sind der Botschafter des sĂŒdamerikanischen Fantasiestaates Miranda, das mittelalterliche Ehepaar Thevenot, ihre ewig beschwipste und gelangweilte Tochter Florence und die junge Senechal. Sie versuchen sich stĂ€ndig gegenseitig zum Essen einzuladen, was aber stets an dem einen oder anderen Grunde scheitert oder gestört wird.

Erste Episode ist die von Bunuel oben selbst beschriebene Geschichte Silbermans; die so versetzten GĂ€ste beschließen in einem nahegelegenen "restaurant informelle" zu speisen. Als man gerade bestellen will, vernehmen sie Schluchzen aus dem Nebenraum und mĂŒssen feststellen, dass dort der soeben verstobene Besitzer des Restaurants aufgebahrt ist. Derart den Appetit verdorben, rĂŒckt die Gruppe hungrig wieder ab.

Die folgenden Szene spielt in der Botschaft Mirandas, bei der die Herren Thevenot und Senechal das vom Botschafter auf einen seiner letzten Reisen geschmuggelte Kokain in Empfang nehmen. Man nimmt selbstredend die Gelegenheit wahr, sich nochmals fĂŒr den nĂ€chsten Samstag zum Essen zu verabreden. Bevor der feine Botschafter sich als mieser, kleiner Drogendealer entlarven darf, kann er ein wenig SĂŒdmaerika-Rambo spielen, als er vor seinem Fenster eine junge Frau entdeckt: er holt sein Gewehr und legt auf die Frau an mit der BegrĂŒndung, sie gehöre einer sĂŒdmaerikanischen Terrorgruppe an.

Beim Essen am nĂ€chsten Samstag erscheinen gleich beide Gastgeber nicht, weil sie vor Geilheit getrieben beschließen, erst einmal ĂŒbers Fenster auszusteigen, um in aller Ruhe im Garten Sex zu haben. ZurĂŒckgekommen sind die GĂ€ste, die sich mit ein paar Dry Martinis, "dem bĂŒrgerlichsten aller Drinks" (Bunuel) selbst unterhalten haben, bereits wieder abgezogen. Dort treffen sie allerdings auf den Bischof, der sich verwirrenderweise um vakante Stelle des GĂ€rtner bewirbt und diese schließlich auch bekommt.

Die folgende Szene spielt in einem Cafe, in der sich die drei Damen verabredet haben. Auch hier klappt nichts: der Tee und auch der Cafe sind "aus" und so beschließen sie Leitungswasser zu bestellen. Bevor sie sich wieder verabschieden stellt sich Ihnen ein Leutnant vom Tisch gegenĂŒber vor, der den Damen seine Kindheit erzĂ€hlt: nach dem Tod seiner Mutter, hĂ€tte die Tote ihn aufgefordert seinen Vater zu vergiften, einer Bitte, der er gerne nachgekommen sei, da sein Vater ihn in ein MilitĂ€rinternat abgeschoben habe.

Im Anschluss wieder einmal eine Verabredung, diesmal zum Ehebruch zwischen dem Botschafter und Mdm. Senechal. Auch die wird gestört ... durch den Ehemann selbst, der auch dann keinen Verdacht schöpft, als seine Frau aus dem Schlafzimmer des Botschafters spaziert. Nachdem die Senechals die Wohnung verlassen haben, darf die Terroristin, die laut Aussage des selbstgefĂ€lligen Botschafts-Machos "besser fĂŒr die Liebe als fĂŒr den Krieg gemacht ist", wieder mal einen Anschlagsversuch unternehmen, den der Botschafter nicht Ernst nimmt.

Bei der nĂ€chsten Einladung im Hause der Thevenots ist gerade die Vorspeise serviert als der Colonell, der sich gerade im Maneuver befindet, sich mit seiner Brigade im Hause breitmacht. Auch er wurde natĂŒrlich erst "morgen erwartet". Das Dinner wird zur Feldspeisung, nicht bevor der Colonell ein paar MarijuanatĂŒten herumgereicht hat und ganz hip und hippielike erklĂ€rt, Weed sei keine Droge. Auch die Brigade hat keine Zeit zum Essen, da sie ins Maneuver gerufen wird. Zuvor darf jedoch der bereits bekannte Leutnant seinen Traum erzĂ€hlen: dort sei er bereits verstorbenen Freunden auf der Straße begegnet. Der Traum endet mit der Suche des Leutnants nach seiner Mutter. Als Revanche fĂŒr die Bewirtung lĂ€dt der Colonell die Gruppe am nĂ€chsten Freitag zum Essen ein.

Die folegnden Szenen werden alle als Traumsequenzen aufgelöst, wobei der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmt. Die Situationen enden stets mit einer Katastrophe: Mord, Totschlag und Folter
Das Essen beim Colonell: Die servierten HĂ€hnchen sind aus Plastik und auch der Gastgeber lĂ€ĂŸt sich nicht blicken. Schließlich öffnet sich ein Vorhang und die Gruppe befindet auf einer TheaterbĂŒhne. Fluchtartig verlassen alle den Raum, da sie "ihren Text vergessen haben". Aufgelöst wird die Szene als Traumsequenz Monsieurs Thevenots.

Die Cocktailparty: dort wird der Botschafter von allen Seiten in gar nicht diskreter und höflicher Weise auf die chaotischen ZustĂ€nde seiner Heimat angesprochen (Drogenhandel, Studentenunruhen, Sterblichkeitsrate Wirtschaftsflaute). Er kann sich der AnwĂŒrfe nicht erwehren. Schließlich kommt es zum Streit zwischen dem Botschafter und Monsieurs Senechal, in dessen Verlauf der Botschafter Senechal erschießt.
Aufgelöst wird die Szene als Traumsequenz Monsieurs Senechals.

Die Todesbeichte des Bischofs: Als der Bischof gerufen wird, um einem Sterbenden die letzte Beichte abzunehmen, wird er gewahr, dass es sich bei dem Sterbenden um den Mörder seiner Eltern handelt. Er nimmt ihm die letzte Beichte ab und erschießt ihn anschließend kurzerhand mit einer Schrotflinte.
Diese Szene wird nicht als Traum explizit aufgelöst.

Im GefĂ€ngnis: nachdem die gesamte Gruppe bei einem Dinner vom Kommissar verhaftet wird, darf sie die ganze Nacht im GefĂ€ngnis verbringen. Dort erzĂ€ht ein Polizist vom Bloody Sergeant. Der Bloody Sergeant sei ein Polizist mit grausamen Verhörmethoden gewesen: Folterungen gehörten zu seinem Reportoire wie GesetzesbrĂŒche. Am 14. Juni sei er bei einer Demonstration erschossen worden, weswegen dieser Tag als Bloody Sergeant Day begangen werde. An diesem Tag kĂ€me der Sergeant als Untoter zurĂŒck, um sich an den Gefangenen zu rĂ€chen.
Diese Szene wird als Traum des Kommissars aufgelöst.

Aufgewacht von seinem Albtraum wird der Kommissars vom Innenminister angewiesen, die inhaftierte Gruppe umgehend freizulassen. Obwohl er durch FluglÀrm nichts von der Konversation versteht, folgt er der Anweisung.

Der Anschlag: Wieder mal beim Abendessen wird die Gruppe von drei mit Maschinengewehren gewaffneten Eindringlingen ĂŒberrascht und erschossen. Nur der Botschafter hatte sich unter dem Tisch verstecken können, wird aber doch entdeckt als er in seiner Gier nach einem StĂŒck Fleisch auf dem Tisch greift.
Diese Szene wird als Traum des Botschafters aufgelöst, der daraufhin seine Verwirrung in einem krÀftigen Nachtmahl erstickt.

Der Film endet mit einer immer wieder ĂŒber den ganzen Film verstreuten Sequenz, in der die Gruppe auf einer Straße ziellos wandernd gezeigt wird.

Einziger roter Faden des Films sind die Rituale des Essens und Trinkens der gegenseitigen Einladungen und deren Störungen oder deren Nichtzustandekommen. Dadurch wirkt DCB wie ein Episodenfilm ohne eigentlichen Spannungsbogen. Umgesetzt hat Bunuel diese mit einem guten Schuss Schwarzen Humors und mit genialen französischen Schauspielern. Es zelebriert sich eine Klasse der Bourgoisie dort selbst in immergleichen Ritualen ohne Ziel und Kraft.
Durch ihre ritualisierten Stereotypen werden die Personen stÀndig der LÀcherlichkeit preisgegeben. Die Hohlheit der Rituale, die hilflose OberflÀchkeit ihres gegenseitigen Umgangs sind derart normal, dass sie einfach lÀcherlich wirken.

LĂ€cherlich allein ist der Umstand des stĂ€ndigen Scheiterns der Treffen: nicht ein einziges Mal kommt die Gruppe zu einem gemĂŒtlichen Mahl zusammen, nicht ein einziges Mal wird das vollendet, was vorbereitet ist. Diese stĂ€ndige Nicht-ErfĂŒllung macht den Zuschauer nervös, zumal die Charaktere darĂŒber ĂŒberaus non-chalant hinwegsehen (man versucht es halt "a prochaine foi").

In den TrĂ€umen und Erinnerungen brechen die großen Katastrophen ĂŒber die Protagonisten herein, die sie im realen Leben als "kleine MissverstĂ€ndnisse" abtun. Sie scheinen nicht groß darunter zu leiden.
Einzig in den TrĂ€umen wird tacheles geredet, werden die Personen entlarvt. Die TrĂ€ume enthalten keine Visionen oder SehnsĂŒchte, sondern illustrieren die Schattenseite ihres Daseins. Doch anstatt darĂŒber entsetzt zu sein, nimmt man halt noch einen Dry Martini oder stopft sich einen kalten Braten zwischen die Kiemen. Man ist ja gerettet, es war nur ein Traum. Aber Bunuel ist gemein: der Unterschied zwischen TrĂ€umen und RealitĂ€t verschwimmt "zusehends", manche TrĂ€ume sind auch Erinnerungen. ... wir können einfach nicht sicher sein, die nĂ€chste Katastrophe lauert schon ...


Szenenbild Szenenbild Szenenbild Szenenbild


Weitere Links und Bibliografie:

  • Bunuel Bio
  • Bunuel Filmografie


    • Lexikon des Fantasy Films, 650 Filme von 1900 bis 1986, hg. v. Ronald Hahn/Volker Jansen, Norbert Stresau, Hey MĂŒnchen 1986
    • KINDER, MARSHA, and ANDREW HORTON (eds). Luis Buñuel's The Discreet Charm of the Bourgeoisie. Cambridge: Cambridge University Press, 1999.
    • FUENTES, CARLOS. 'The discreet charm of Luis Buñuel', New York Times Magazine (11 March 1973). This article was later collected in Fuentes's essay collection, Myself with Others.
    • PAULHAN, J. 'A revolution is not a dinner party: The discreet charm of Buñuel's bourgeoisie', Literature/Film Quarterly, 22:4 (October 1994), pp. 232–37.
    • ROSENBAUM, JONATHAN. 'Interruption as style: Buñuel's The Discreet Charm of the Bourgeoisie', in Jonathan Rosenbaum, Movies As Politics. Berkeley, Los Angeles and London: University of California Press, 1997. pp. 22–27.

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hinzugefügt: January 10th 2002
Autor: Wolfgang Melchior
Punkte:
zugehöriger Link: IMDB
Hits: 8658
Sprache: deu

  

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